Laufende Forschungsprojekte & Betreute Dissertationen


Unproblematic belonging? Practices of community and constructions of difference in institutional day-care in Vienna.

Während Kinderbetreuung in Österreich historisch primär als ‚private’ Angelegenheit von Müttern galt, wird sie heute zögerlich, aber zunehmend als gemeinsame Aufgabe von Institutionen und Familien definiert. Vor allem seit der Einführung des verpflichtenden Kindergartenjahres 2010 wird der Kindergarten in der Öffentlichkeit verstärkt als Garant für Chancengleichheit und als wirksames Mittel zur ‚Integration’ von Kindern von MigrantInnen konstruiert. In Kontrast zu dieser normativen Konzeptualisierung der öffentlichen Kinderbetreuung werden in meinem Dissertationsprojekt subtile, aber wirkmächtige Prozesse der Inklusion und Exklusion in alltäglichen Interaktionen zwischen PädagogInnen, Eltern und Kindern untersucht. Inspiriert ist dieses Vorhaben von aktuellen Beiträgen in der Anthropologie, die vorschlagen die komplexen Verstrickungen zwischen scheinbar ‚privaten’ verwandtschaftlichen Beziehungen und dem Staat in den Fokus zu nehmen. Auf Basis umfassender ethnographischer Feldforschungen werden Kindergärten als Institutionen erforscht, die in die Verdichtung oder auch Schwächung von Zugehörigkeit wie auch die Konstruktion von Differenz involviert sind.

Projektdauer: Oktober 2015 - Oktober 2018
Finanziert von: uni:docs (Universität Wien)
Projekt von: Anna Ellmer
Betreut von: Tatjana Thelen


Daheimgeblieben. Männer, Kinder und Alte im Kontext weiblicher Arbeitsmigration in der Westukraine.

Seit den beginnenden 2000er Jahren verlassen im Zuge zunehmender Armut und Arbeitslosigkeit im Zusammenhang mit einer vermeintlichen „Care-Krise“ im Westen immer mehr Frauen aus ländlichen Gebieten die Westukraine, um als Pflegekräfte und Haushaltshelferinnen in Mittel- und Südeuropa zu arbeiten und so zum Lebensunterhalt ihrer Familien beizutragen. Ihre Kinder und Familien lassen sie dabei häufig in der Ukraine zurück. Während die Situation von Arbeitsmigrantinnen in den Empfängerländern und deren Bemühungen, transnationale Care-Beziehungen mittels unterschiedlicher Formen des Austausches aufrecht zu erhalten, ethnografisch relativ gut erforscht sind, wissen wir bislang noch sehr wenig darüber, wie sich die (Arbeits)-Migration von Frauen und ihre Abwesenheit in ihren Rollen als Mütter, Ehefrauen und Töchter auf die daheimgebliebenen Familienangehörigen auswirken. Aufbauend auf anthropologischen Ansätzen im Schnittfeld von Care, Kinship und Gender steht daher die ethnografische Untersuchung der Situation der daheimgebliebenen Väter, Kinder und Großeltern, deren Beziehungen zu den emigrierten Frauen und den Effekten der Emigration von Frauen und deren (neue) Rolle als Versorgerinnen ihrer Familien auf Care-Praktiken, lokale Vorstellungen von Verwandtschaft und Familie, Geschlechterverantwortlich-keiten und Zugehörigkeiten im Mittelpunkt meines Dissertationsvorhabens.

Projektbeginn: März 2016
Finanziert durch: Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF)
Projekt von: Ilona Grabmaier
Betreut von (Erstbetreuerin): Tatjana Thelen


Auflösungsprozesse von Verwandtschaftsbeziehungen im nördlichen Tansania

Trennung, Ausgrenzung oder gar die Auflösung von Verwandtschaftsbeziehungen passen nicht in allgemeine Vorstellungen afrikanischer Verwandtschaftsverhältnisse. Diese werden häufig in Form von generationenübergreifender Reziprozität auf der einen oder sogenannter „Vetternwirtschaft” auf der anderen Seite dargestellt. Beiden Bildern wohnt die Vorstellung einer Omnipräsenz von Verwandtschaft in Afrika inne. Da Verwandtschaft aber auch im afrikanischen Kontext gleichermaßen von Inklusion und Solidarität wie von Ausgrenzung, Diskriminierung und Konkurrenz geprägt ist, widmet sich das Dissertationsprojekt Auflösungsprozessen von Verwandtschaftsbeziehungen im ländlichen Tansania. Denn obwohl in den letzten Jahren mehrfach auf die Notwendigkeit verwiesen wurde, Verwandtschaftsauflösungen ebenfalls in den Blick zu nehmen und über Prozesse des undoing kinship nachzudenken, ist dies noch nicht systematisch angewendet worden. Der zentrale Fokus des Forschungsprojektes richtet sich auf Prozesse von Verwandtschaftsauflösungen, die sich auf einer alltagspraktischen Ebene vollziehen, und fragt, wie diese Prozesse mit anderen gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden sind. Der Blick auf die entgegengesetzten Prozesse des Verwandtmachens kann so nicht nur neue Erkenntnisse über die zugrundeliegenden Prozesse von Verwandtschaft und den Einfluss von politischen und ökonomischen Prozessen auf diese bringen, sondern auch die Rückwirkungen verwandtschaftsauflösender Prozesse auf gesellschaftlichen Wandel aufzeigen.

Projektdauer: März 2017 – Februar 2021
Finanziert von: Universität Wien
Projekt von: Nina Haberland
Betreut von (Erstbetreuerin): Tatjana Thelen


Translating difference as culture? Care for elderly Turkish migrants in Vienna and Amsterdam

Immigrants are expected to compose an increasingly large part of the ageing population in Europe. Calls from different points in society are made about creating a higher awareness and sensitivity related to cultural differences among those who need care. Accommodating ‘difference’, such as shared culture of groups, within frameworks of universal legal, political and social rights are a complex matter, which needs a mindful consideration. Nevertheless, ideas about health, illness and appropriate care are clearly differently constructed by different social actors, and therefore the services sector is confronted with an increasing variety of illness interpretations and challenged in its capacity to cope with the diversity of the population. This research project aims to explore the ways in which difference is translated as culture by investigating the interactions between first-generation Turkish migrants and the caregivers they meet when the need for care arises. The location for the research will be in two European contexts: Vienna and Amsterdam. Both cities have a large population of Turkish migrants who first came to the countries as guest workers and are now reaching the ‘old age’. Through ethnographic research in health care settings where encounters between elderly migrants and care providers commence, this project tries to unravel the subtle, complex processes of translation in care.

Projektbeginn: Oktober 2017
Finanziert von: uni:docs (Universität Wien)
Projekt von: Brigitte Möller
Betreut von: Tatjana Thelen


The workings of corporate social responsibility in the (re)configuration of contemporary societies

Corporate Social Responsibility as a case of moral transformation has been celebrated as the solution to world problems. CSR departments that are officially in charge of establishing morality in businesses organizations have been implemented into upper management. The CSR managers claim, that the ability to cross-cut between the seemingly different institutional contexts of modern society (economy, politics, society) is a prerequisite to be able to do this work and push CSR forward.

This PhD project draws on ethnographic research within a major business corporation in Turkey, operating in a particularly contested and criticized business sector. It deals with the translation of these societal and moral values into practices in business organizations and the role individual CSR practitioners play in these practices. CSR is therefore conceptualized as a moral economy to reflect the continuous (re)negotiation of meanings, moralities and interests within organizations  across contradicting and manifold institutional contexts. The boundary work of actors at top management level, in supply chain audits, international project meetings and other internal CSR activities serves as a lens through which the conceptualization of society at large can be explored. The project is located the disciplinary intersection of organizational, business, economic and political anthropology, with a special focus on value studies, moral economies, gifts & rights and care studies.

The PhD project is part of the DOC-team project "Practicing Values - Valuing Practices" funded by the Austrian Academy of Sciences. In this project, Deniz Seebacher, Barbara Stefan and Andreas Streinzer are researching renegotiations of so-called economic and moral values in three contexts (the others being the effects of austerity measures in Greece and Social Movements for Democracy and Distributional Justice in Austria) and from the perspective of three disciplines (social and cultural anthropology, business anthropology, political sciences).

Projektdauer: Oktober 2014 – Oktober 2017
Finanziert von: Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW), DOC-team
Projekt von: Deniz Seebacher
Betreut von: Tatjana Thelen (Co-Betreuer: Ståle Knudsen, Universität Bergen)