Die Geschichte des Instituts seit 1900: Ein Überblick

Hier wird in fünf kurzen Abschnitten ein erster Überblick zur Fachgeschichte an der Universität Wien seit etwa 1900 geboten. Dieser Überblick spricht vor allem jene Markierungen und Eckpunkte an, die besonders aus heutiger Sicht wesentlich sind. Wichtige Details müssen deshalb hier ausgelassen werden und sind in den Literaturhinweisen am Ende nachzulesen.

Vom Lehrstuhl für Anthropologie und Ethnographie zum Institut für Völkerkunde

Ähnlich wie in anderen Teilen des deutschsprachigen Raums verfestigte sich das wissenschaftliche Interesse an ethnographischen Fragen auch in Wien während der zweiten Hälfte des 19. Jh., also in der spätimperialen und kolonialen Phase globaler und kontinentaleuropäischer Geschichte. In der multiethnischen Habsburger-Monarchie bestand dabei wenig Interesse daran, die Herder’sche Unterscheidung nach sogenannten „Kultur-“ und „Naturvölkern“ zu institutionalisieren (Gingrich 2005). Die Erforschung beider Bereiche wurde vorerst nicht grundsätzlich unterschieden, und zugleich als Teil von Naturgeschichte verstanden. Bis zur Jahrhundertwende hatte die Forschungsrichtung daher ihren Wiener Hauptsitz am Naturhistorischen Museum, wie in dessen goldenen Kuppelinschriften bis heute sichtbar (Gingrich 2012).
Die ersten im damals auch an der Universität so genannten Fach „Anthropologie und Ethnographie“ habilitierten Personen waren in Wien Michael Haberlandt und Wilhelm Hein. Der Museums-Kustos Michael Haberlandt (Habil. 1892, 1910 a. o. Prof.) hatte als Indologe promoviert und betätigte sich primär als Mitbegründer der „Volkskunde“ (die in Wien früh ein eigenes Privatmuseum errichtete, aber erst nach 1945 ein eigenes Universitäts-Institut erhielt). Wilhelm Hein (Habil. 1901) war lange Sekretär der Anthropologischen Gesellschaft zu Wien, und führte 1901/02 mit seiner Frau Marie eine längere ethnographische Feldforschung in Südarabien durch. Marie Hein sollte später die erste als Wissenschafterin am Museum für Völkerkunde angestellte Frau werden (Geisenhainer 2005: 67–75; Sturm 2007).
Noch in den letzten Jahren der K. u. K. Monarchie wurde 1912 an der Philosophischen Fakultät der Universität Wien auch ein Lehrstuhl für „Anthropologie und Ethnographie“ neu eingerichtet, auf den der promovierte Wiener Mediziner Rudolf Pöch (1870–1921) berufen wurde. Im Bereich der Ethnographie trat Pöch in besonderer Weise durch frühe, aber nicht unproblematische Film- und Tondokumentationen nach aufwendigen, im imperialen Stil durchgeführten Expeditionen in Neuguinea und im südlichen Afrika hervor. Manche von Pöchs physisch-anthropologischen Erhebungen und „Sammlungen“ waren selbst nach damaligen Maßstäben illegal, zogen aber erst ab 2010 Restituierungen an Südafrika nach sich. Während des ersten Weltkriegs war Pöch Leiter der umfangreichen österreichischen Erhebungen an Kriegsgefangenen (Lange 2013). Dies geschah in partieller Kooperation mit ähnlichen Untersuchungen von deutscher Seite, die dort von Pöchs ehemaligem Lehrer am Berliner Museum für Völkerkunde geleitet wurden, dem Niederösterreicher Felix von Luschan (Six-Hohenbalken 2009).
Nach dem ersten Weltkrieg und Pöchs frühem Tod wurde der Schlesier Otto Reche (1879–1966) Pöchs Nachfolger als neuer Ordinarius (1924–27) in Wien. Reche war bereits 1908/09 Teilnehmer der Hamburger Südsee-Expedition und im ersten Weltkrieg an den Kriegsgefangenen-Untersuchungen beteiligt gewesen. Mit ihm beginnt auch eine über 30 Jahre währende Abfolge von in Deutschland sozialisierten Fachvertretern auf dieser Wiener Professur. Von Wien aus betrieb Reche bereits eine intensivierte Unterordnung der „Ethnographie“ unter die physische Anthropologie, mit Konzentration auf Fragen der „Abstammung“ und von Vaterschafts-Nachweisen. Dieses Programm perfektionierte Reche später in Leipzig, wo er bis 1945 zu einem der prominentesten Vertreter der Integration der „Völkerkunde“ unter die Primate einer von der Nazi-Ideologie geprägten, rassistischen Anthropologie wurde. Reche wurde 1945 verhaftet; ihm wurde in Folge die universitäre Lehrbefugnis in Deutschland entzogen. Die Republik Österreich sah darin kein Hindernis, Reche noch 1965 das „Österreichische Ehrenkreuz für Wissenschaft und Kunst I. Klasse“ zu verleihen (Geisenhainer 2002).
Nach Reches Übersiedlung von Wien nach Leipzig (1927) betrieb der gebürtige Westfale Pater Wilhelm Schmidt (1868–1954), Begründer und Hauptvertreter der Missionsschulen der SVD (Societas Verbi Divini) in St. Gabriel bei Mödling und anderswo, die Ausweitung der Trennung von Ethnographie und physischer Anthropologie an der Universität Wien. 1928 gingen daraus zwei Institute hervor: das Institut für Völkerkunde und jenes für physische Anthropologie. Erster Vorstand des Instituts für Völkerkunde war Pater Wilhelm Koppers (1886–1961), Mitbruder und engster wissenschaftlicher Mitarbeiter von Pater Wilhelm Schmidt.
Gemeinsam hatten Schmidt und Koppers die so genannte „Wiener Schule der Kulturkreislehre“ entworfen, die bis in die 1950er Jahre – mit Ausnahme der Nazi-Periode – die wissenschaftliche Ausrichtung des Wiener Instituts charakterisierte. Dieser theologisch geprägte Forschungsansatz ging von der Grundvorstellung aus, dass die „primitivsten“ Völker der göttlichen Schöpfung am nächsten stünden und sich daher bei ihnen ein „Urmonotheismus“ nachweisen lassen müsse. Ausgehend von daraus abgeleiteten Ursprungsfragen ließen sich sogenannte „Kulturkreise“ rekonstruieren. Nichtsdestoweniger enthalten etliche empirischen Arbeiten von Schmidt und Koppers sowie von vielen ihrer Schüler (z.B. Gusinde, Schebesta, Haekel, Henninger) brauchbare und relevante Teileinsichten.
Bis zur Zeit rund um den „Anschluss“ Österreichs an Hitler-Deutschland war an diesem Institut außerdem der – in den Nazijahren dann in die Emigration gezwungene – Südostasien-Spezialist Robert (von) Heine-Geldern (1885–1968) tätig, der eine Art von nicht-theologischem, aber diffusionistischem Gegengewicht zur „Wiener Schule“ darstellte (Schweitzer 2011). Eine andere Art von Gegengewicht repräsentierte zur selben Zeit der Indien- und Himalaya-Spezialist Christoph (von) Fürer-Haimendorf (1909–95), der zwar Assistent von Koppers, aber eher funktionalistisch und ethnosoziologisch orientiert war und (nach anfänglichen Sympathien für die Hitler-Bewegung) 1939 bei Kriegsausbruch in Indien bei den Briten blieb. Er wurde nach 1945 Mitarbeiter und führendes Mitglied der größten Facheinrichtung Europas, nämlich der Londoner School of Oriental and African Studies, und Präsident (1975–77) des Royal Anthropological Institute (Brandewie 1990; Gingrich & Steger 2011; Marchand 2003; Mayer 1991; Neller 2012; Schäffler 2006).

Die Periode des Nationalsozialismus

Nach „Anschluss“ und Annexion Österreichs durch das Dritte Reich wurden in der Phase der NS-Herrschaft (1938–45) die Vertreter des SVD sofort ihrer universitären Ämter in Wien enthoben. Diese Vorgänge sowie das anschließende Berufungsverfahren wurden vom (bis dahin illegalen) NSDAP-Mitglied und neuen Dekan Viktor Christian (1885–1963) geleitet. An sich promovierter Altorientalist und Philologe, hatte Viktor Christian 1921–24 auch die ethnographische Museums-Abteilung (damals noch am NHM) geleitet. Er machte sich als Dekan von März 1938 bis Jänner 1940 auch zum interimistischen Institutsvorstand, anfänglich unter Mitwirkung von Fürer-Haimendorf (bis zu dessen Ausreise nach Indien; s. auch Campregher & Mihola 2006). Christian war auch SS-Mitglied und Leiter einer „Forschungsstätte“ im SS-„Ahnenerbe“ (Gingrich & Bendix 2014), an welcher der am Institut habilitierte, damalige Museums-Kustos Walter Hirschberg ebenfalls mitwirkte (Dick 2009, Loidl 2008). Auch die „Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft zu Wien“ erschienen in dieser Zeit unter Christians Aufsicht im Verlag des „Ahnenerbe“.
Unter dem neuen, aus Berlin berufenen Vorstand Hermann Baumann (1902–72) wurden in der Folge Prioritäten der Forschung gesetzt, die mit den Zielen des totalitären Regimes völlig konform gingen. Baumann war Afrika-Spezialist und Vertreter des nicht-theologischen Zweiges der Kulturkreislehre. Er war frühes NSDAP-Mitglied und arbeitete intensiv mit an Plänen für koloniale Rückeroberungen und Expansionen von Hitlerdeutschland in Afrika – die durch den Kriegsverlauf aber nie realisiert wurden (Linimayr 1994). Auch Baumanns wissenschaftliche Arbeiten sind durchzogen von tendenziösen Elementen. Insbesondere sind seine Betrachtungen zur Kulturgeschichte Afrikas unterlegt von der unhaltbaren Überlegung, dass sie hauptsächlich durch die Expansionen „höhererstehender, hellhäutiger, und kriegerischer“ Elemente aus dem Norden und Nordosten geprägt gewesen sei (Braun 1995; Gohm 2006; Gohm & Gingrich 2010; Rohrbacher 2002). Jenseits dieser auch als „Hamiten-Theorie“ bekannten rassistischen Grundannahmen (die auch in den USA und Westeuropa ihre prominenten Anhänger hatten) stellen Baumanns zusammenfassende Darstellungen zur sozio-kulturellen Vielfalt Afrikas einen durchaus problematischen, aber kaum bestreitbaren Beitrag zur damaligen euro-amerikanischen Kenntnis von Afrika in der Mitte des 20. Jh. dar.
Mit Ende des Krieges ging Baumann zurück nach Westdeutschland, wo er schließlich eine Professur in München ausübte. Etliche der von Baumann in Wien promovierten Absolventen (so etwa Anton Adolf Plügel; s. Gottschall 2010; Michel 2000) waren ebenfalls zutiefst in die verbrecherischen Aktivitäten des NS-Regimes verstrickt. Seit den späten 1980er Jahren (Dostal 1994; Dostal & Gingrich 1996; Pusman 1991) arbeiten Angehörige dieses Instituts an der systematischen Aufarbeitung der betreffenden Phasen seiner Geschichte (s. Literatur).

Das Ende der Wiener Schule der Kulturkreislehre und die empirisch-historische Ausrichtung

Die Sicherung der Institutsbestände um 1945 und der infrastrukturelle Neuaufbau danach waren in hohem Maße das Verdienst von Anna (von) Hohenwart-Gerlachstein (1909–2008), die über Jahrzehnte am Institut wirkte – zuletzt als Mitarbeiterin von Heine-Geldern sowie als Oberassistentin (Beer 2007; Marquardt 2012; Smetschka 1997). Nach Kriegsende wurde zunächst das Vorkriegsprogramm inhaltlich wie personell unter der Leitung des aus dem Schweizer Exil 1945 rasch auf sein wieder vakantes früheres Ordinariat heimgekehrten Wilhelm Koppers in etwas veränderter Form neu aufgenommen. Koppers bemühte sich jedoch zugleich vorsichtig um eine neue, demokratische Basis für die Fachausrichtung an der Universität Wien, und er förderte auch die Rückkehr (1949) von Robert Heine-Geldern aus dem New Yorker Exil: Diese Wieder-Einbindung eines jüdischen Emigranten stellte an der Universität Wien nach 1945 eine seltene Ausnahme dar.
Man kann diese Periode auch als die Endphase der „Wiener Schule“ bezeichnen, da die theoretisch-methodische Sackgasse dieser Richtung nicht mehr länger vertreten werden konnte. 1956 wurde schließlich unter führender Beteiligung von Josef Haekel (dem langjährigen Assistenten bei Koppers, aber auch Baumann; s. Stachel 2011) und von Robert Heine-Geldern der Ansatz der „Wiener Schule“ für überholt und beendet erklärt (Gingrich 2006). Heine-Geldern förderte auch die bis in die 1980er Jahre währende, institutionelle Teil-Niederlassung der Wenner Gren Foundation for Anthropological Research – der größten privaten Forschungsstiftung in diesem Fächerbereich – in Ostösterreich über deren Konferenzzentrum auf Burg Wartenstein, und etablierte eine „Commission for Urgent Anthropological Research“ mit Hilfe der UNESCO.
In diese Phase der ersten zwei Jahrzehnte nach Kriegende fällt auch die institutionelle Ausgliederung der Japanologie als neuem Universitäts-Institut; bis dahin war der Fachbereich in Wien vorwiegend als Teilgebiet der Völkerkunde betrieben worden. Etwa zeitgleich war das Institut für Völkerkunde mit der Errichtung des NIG (Neues Institutsgebäude) aus der direkten Nachbarschaft des damaligen Museums für Völkerkunde (heute: Weltmuseum Wien) von der Hofburg weg und an seine heutige Adresse übersiedelt. Bei allen Vorteilen für beide Seiten blieb die so geschaffene räumliche, soziale und institutionelle Distanz zwischen der musealen und der universitären Fachvertretung nicht ohne neue Probleme.
Mit der Übernahme der Koppers-Nachfolge durch Josef Haekel (1907–73) hatte erstmals seit Pöchs Tod wieder ein gebürtiger Österreicher dieses Ordinariat inne. (Heine-Gelderns a.o. Professur war zwar kurzfristig bis zu seiner Emeritierung ad personam als volle Professur deklariert worden, die Stelle wurde aber erst in den frühen 1970er-Jahren – gegen Ende von Hirschbergs Dienstzeit am Institut – dauerhaft in ein zweites Ordinariat umgewandelt.)
Die Zeit der großen Theorien und Methoden war nun für lange Zeit vorüber. Zwischen 1957 und 1973 forcierte Haekel als Ordinarius auf der Lehrkanzel I die empirische Arbeitsweise, mit einem kleinen Anteil an Feldforschung und einem größeren an kulturgeschichtlichen Rekonstruktionen. Die nach Heine-Geldern vakante Stelle übernahm kurzfristig dessen Schüler Karl Jettmar (1918–2002), bevor er seine langjährige Professur in Heidelberg antrat und in Wien durch den ehemaligen Museums-Kustos und Afrika-Historiker Walter Hirschberg (nach dessen bezeichnend später „Entnazifizierung“) abgelöst wurde. Auf der Grundlage seines historischen Vorverständnisses begann Hirschberg die „Ethnohistorie“ zu entwerfen; ab 1971 erreichte er die dauerhafte Umwandlung seiner Stelle in das Ordinariat der Lehrkanzel II. Erst seit diesem relativ späten Zeitpunkt also ist dies kein Institut mehr mit bloß einer einzigen vollen Professur.
In theoretisch-konzeptueller Hinsicht waren die Forschungserträge der drei Jahrzehnte von 1945 bis 1975 relativ dürftig geblieben; ähnlich wie in Westdeutschland und der deutschsprachigen Schweiz (Gingrich 2005) vermied man – auch in Abgrenzung zu Nationalsozialismus und Kommunismus – zunehmend die großen Theorien und konzentrierte sich in Forschung und Ausbildung auf empirische und methodische Fragen, wobei die Forschungen zu Südasien, den Amerikas und Afrika überwogen. Intellektuell mühsam verlief auch die Verarbeitung und Erfassung des Endes der Kolonialära durch die ältere Generation von Forschern an diesem Institut. Erwähnenswert ist zugleich, dass zahlreiche, im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus führende Fachvertreter/innen in dieser Zeit eine ihrer Grundausbildungen am Wiener Institut erfuhren (z.B. Johanna Broda, Christian F. Feest, Karin Knorr-Cetina, Walter Schicho, René Nebesky-Wojkowitz).

Anbindung an westeuropäische Traditionen vor der Jahrtausend-Wende: Von der Neuorientierung auf sozial- und kulturwissenschaftliche Dimensionen zum neuen Instituts-Namen

Ab 1975 wurden unter Walter Dostal (1927–2011; emeritiert seit 1996) auf der Lehrkanzel I, ab 1980 gemeinsam mit Karl R. Wernhart (* 1941; im Ruhestand seit 2002) auf der Lehrkanzel II, neue Prioritäten in Forschung und Lehre gesetzt. Beide waren ebenfalls frühere Absolventen des Instituts, aber gegenüber dem bislang eher spekulativ-historischen oder historiographischen Verständnis der Disziplin in Wien wurden nunmehr die sozialwissenschaftlichen und kulturwissenschaftlichen Dimensionen des Fachs akzentuiert, was mit einer verstärkten Einbindung in internationale Traditionen und Debatten einherging. Damit hängt auch zusammen, dass sich die ethnographische Feldforschung als methodisches Grundverfahren dieses weltweiten Faches am Wiener Institut eigentlich erst seit Beginn der Professuren von Dostal und Wernhart voll durchsetzte.
Zusammen mit der Neu-Ausrichtung und Schärfung des Institutsprofils setzten diese beiden Ordinarien im letzten Viertel des 20. Jh. auch eine Reihe wichtiger Akzente im Bereich von wissenschaftlichen Großprojekten – Wernhart insbesondere im Bereich der Ethnohistorie und der Ozeanien- und Karibik-Forschung; Dostal v.a. im Feld der Arabien-Forschung und der ökologischen Anthropologie. Auch zahlreiche heutige Mitarbeiter/innen dieses Instituts erfuhren einen Gutteil ihrer wissenschaftlichen Grundausbildung durch einen oder beide dieser zwei Professoren. Neben ihrem wissenschaftlichen Werk leisteten beide Ordinarien auch institutionell viel zur neuen Mehrung des fachlichen Ansehens: Dostal v.a. über seine Tätigkeiten als Mitglied der ÖAW und als Gründungs-Präsident der Österreichischen Orient-Gesellschaft Hammer-Purgstall; Wernhart insbesondere als Dekan (1985–89) und dann als erster in diesem Fach promovierter Rektor (1989–91) der Universität Wien.
Zugleich ist diese Phase der Institutsgeschichte auch durch enormes personelles Wachstum gekennzeichnet. Das gilt zum einen für die Zahlen von Studierenden und AbsolventInnen, und war zum Teil mitbedingt durch die erstmalige Einführung einer Diplomstudienordnung (bis Ende der 1970er Jahre konnte das Fach nur mit einem Doktorat abgeschlossen werden). Als Teil dieser Entwicklungen wuchs zugleich der weibliche Anteil unter den Studierenden stetig an, bis er anhaltend und in Folge auch bei den AbsolventInnen überwog (Nemét 2003). Zum anderen wuchs auch das wissenschaftliche Instituts-Personal an auf 3–4 MitarbeiterInnen pro Ordinariat, von denen sich viele habilitieren konnten. Unter Karl R. Wernhart wurde auch der Name des Instituts zunächst in Institut für Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie geändert und später zur heutigen Bezeichnung Institut für Kultur- und Sozialanthropologie (mit dem offiziellen englischen Namen Department of Social and Cultural Anthropology) verkürzt. Die neue Namensgebung weist auf den kontextuellen Pluralismus von Wissenschaftstraditionen und zeitgenössischen Forschungsfeldern hin, in welchen sich die Mitarbeiter/innen positionieren (Khittel et al. 2004).

Das heutige Institut: Eine führende Facheinrichtung im deutschsprachigen Raum und in Kontinentaleuropa

Mit den Universitätsreformen von 1993 und 2002 gab es entscheidende strukturelle Veränderungen, die gemeinsam mit einer Verdoppelung des wissenschaftlichem Personals seit 2011 einen vergrößerten Pluralismus in Forschung und Lehre ermöglichen (zur aktuellen Zusammensetzung des Institutspersonals s. ksa.univie.ac.at/institut/personen/). Seit der Einführung neuer Curricula nach „Bologna“-Richtlinien werden die verstärkten Anreize zur Wahrnehmung von EU-weiten Qualitätsstandards in Lehre und Forschung in diesem Fachbereich besonders aktiv wahrgenommen. Ein Evaluationsgutachten von 2013 bescheinigt dem Institut, mit seinem breiten Forschungsprofil in seinem Fach zu den „leading institutions in Europe“ zu zählen. Auch in der Lehre und Betreuung von BA-, MA- und PhD-Studierenden gibt es im deutschsprachigen Raum kaum ein derart breites Angebot.Die internationale Ausrichtung und die hohe Qualität der Forschungen von AbsolventInnen und wissenschaftlichem Institutspersonal haben seit Beginn des 21. Jahrhunderts vielfältige nationale und internationale Anerkennung in einer Weise gefunden, die beispiellos in der Institutsgeschichte ist. Dies zeigt, dass es gelungen ist, die kritische Sichtung der eigenen Vergangenheit mit einem neuen Kapitel von gegenwarts- und zukunftsorientierter Lehre und Forschung zu verbinden. An diesem Institut studieren heute (WS 2013) 2537 Studierende in allen Curricula; hier wirken derzeit (April 2014) 25 wissenschaftliche MitarbeiterInnen (davon 5 über Drittmittel-Finanzierungen) sowie 55 LektorInnen und DozentInnen. VertreterInnen des Instituts sind oder waren aktiv in internationalen Fachverbänden wie der European Association of Social Anthropologists (EASA), in nationalen und internationalen Institutionen der Forschungsförderung, in EU-weiten Ausbildungsprogrammen und in führenden Fachjournalen.

(Andre Gingrich)


Literatur

  • Beer, Bettina (2007)  Frauen in der deutschsprachigen Ethnologie: Ein Handbuch. Köln.
  • Brandewie, Ernest (1990)  When Giants Walked the Earth: The Life and Times of Wilhelm Schmidt, SVD (Studia Instituti Anthropos 44). Fribourg (CH).
  • Braun, Jürgen (1995)  Eine deutsche Karriere: Die Biographie des Ethnologen Hermann Baumann (1902–1972). München.
  • Campregher, Christoph & David Mihola (2006)  „Unterhaltung für die Wehrmacht: Anmerkungen zur Entstehung von ‚Der Weiße Kopfjäger‘“, in Hilde Schäffler, Begehrte Köpfe: Kritische Analysen zu Christoph Fürer-Haimendorfs Feldforschung im Nagaland (Nordostindien) der 30er Jahre. Wien.
  • Dick, Anita S. (2009)  Walter Hirschberg am Museum für Völkerkunde (Wien) im Dienst des „kolonialen Traums“ (1938–1945). Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Dostal, Walter (1994)  Silence in the Darkness: An Essay on German Ethnology During the National Socialist Period, Social Anthropology/Anthropologie Sociale 2 (3): 251–262.
  • Dostal, Walter & Andre Gingrich (1996)  „German and Austrian anthropology“, in Alan Barnard & Jonathan Spencer (Hg.), Encyclopaedia of Social and Cultural Anthropology. London.
  • Geisenhainer, Katja (2002)  „Rasse ist Schicksal!“ Otto Reche (1879–1966) – ein Leben als Anthropologe und Völkerkundler. Leipzig.
  • Geisenhainer, Katja (2005)  Marianne Schmidl (1890–1942): Das unvollendete Leben und Werk einer Ethnologin (Veröffentlichungen des Instituts für Ethnologie der Universität Leipzig). Leipzig.
  • Gingrich, Andre (2005)  „The German-speaking Countries“, in Fredrik Barth, Andre Gingrich, Robert Parkin & Sydel Silverman, One Discipline, Four Ways: British, German, French and American Anthropology – The Halle Lectures.Chicago
  • Gingrich, Andre (2006)  „Remigranten und Ehemalige: Zäsuren und Kontinuitäten in der universitären Völkerkunde Wiens nach 1945“, in Margarete Grandner, Gernot Heiss & Oliver Rathkolb (Hg.), Zukunft mit Altlasten: Die Universität Wien 1945–1955 (Querschnitte: Einführungstexte zur Sozial-, Wirtschafts- und Kulturgeschichte 19). Innsbruck, p. 260–272.
  • Gingrich, Andre (2012)  „Krise des Weltkriegs und Transformation eines Wissenschaftsfeldes: Ethnographie und Anthropologie in Österreich-Ungarn und Deutschland bis 1914/18 und danach“, in Sigrid Deger-Jalkotzy & Arnold Suppan (Hg.), Krise und Transformation: Beiträge des internationalen Symposiums vom 22. bis 23. November 2010 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Denkschriften phil.-hist. Kl. 441). Wien, p. 209–225.
  • Gingrich, Andre & Regina Bendix (2014)  „David Heinrich Müller und das Spannungsfeld der Wiener Südarabien-Forschung vor dem ersten Weltkrieg“, Einführung zu Gertraud Sturm, David Heinrich Müller und die südarabische Expedition der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften 1898/99 (Sammlung Eduard Glaser 16). Wien (i. Dr.).
  • Gingrich, Andre & Brigitte Steger (2011)  „Kulturkreis“, in Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll & Andre Gingrich (Hg.), Lexikon der Globalisierung. Bielefeld, p. 217–219.
  • Gohm, Julia (2006)  Hermann Baumann, Ordinarius für Völkerkunde in Wien (1940–1945): Sein Wirken und seine Lehrsammlung. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Gohm, Julia & Andre Gingrich (2010)  „Rochaden der Völkerkunde: Hauptakteure und Verlauf eines Berufungsverfahrens nach dem ‚Anschluss‘“, in Mitchell G. Ash, Wolfram Nieß & Ramon Pils (Hg.), Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus: Die Universität Wien 1938–1945. Göttingen, p. 167–197.
  • Gottschall, Lisa (2010)  Völkerkunde Absolvent und praktizierendes NSDAP-Mitglied: Die Schul- und Studienzeit des Anton Adolf Plügel. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Khittel, Stefan, Barbara Plankensteiner und Maria Six-Hohenbalken (Hg.) (2004)  Contemporary Issues in Socio-Cultural Anthropology: Perspectives and Research Activities from Austria. Wien.
  • Lange, Britta (2013)  Die Wiener Forschungen an Kriegsgefangenen 1915–1918: Anthropologische und ethnografische Verfahren im Lager (Veröffentlichungen zur Sozialanthropologie 17, Sitzungsberichte phil.-hist. Kl. 838). Wien.
  • Linimayr, Peter (1994)  Wiener Völkerkunde im Nationalsozialismus: Ansätze zu einer NS-Wissenschaft. Frankfurt/M.
  • Loidl, Verena (2008)  Walter Hirschberg – Textanalyse ethnologischer Publikationen (1927–1945). Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Marchand, Suzanne (2003) „Priests Among the Pygmies: Wilhelm Schmidt and the Counter-reformation in Austrian Ethnology“, in Glenn H. Penny & Matti Bunzl (Hg.), Worldly Provincialism: German Anthropology in the Age of Empire. Ann Arbor, p. 283–316.
  • Marquardt, Mirja (2012)  Das Leben und Wirken von Anna Hohenwart-Gerlachstein unter besonderer Berücksichtigung ihrer Tätigkeit am Institut für Völkerkunde in Wien von 1942–1945. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Mayer, Adelheid (1991)  Die Völkerkunde an der Universität Wien bis 1938. Diplomarbeit, Universität Wien.
    Michel, Ute (2000)  „Ethnopolitische Reorganisationsforschung am Institut für Deutsche Ostarbeit in Krakau 1941–1945“, in Bernhard Streck (Hg.), Ethnologie und Nationalsozialismus. Leipzig, p.149–166.
  • Neller, Verena (2012)  Robert Heine-Gelderns Exilzeit in den USA – fachhistorische Forschungsergebnisse und Interpretationen der ethnologischen Fachgeschichte. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Nemét, Mark (2003)  Quantitäten in Völkerkunde: Zur Entwicklung von Studium und Beruf in der Ethnologie. Dissertation, Universität Wien.
  • Pusman, Karl (1991)  Die Wiener Anthropologische Gesellschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Ein Beitrag zur Wissenschaftsgeschichte auf Wiener Boden unter besonderer Berücksichtigung der Ethnologie. Dissertation, Universität Wien.
  • Rohrbacher, Peter (2002)  Die Geschichte des Hamiten-Mythos (Beiträge zur Afrikanistik 71). Wien.
    Schäffler, Hilde (2006)  Begehrte Köpfe: Kritische Analysen zu Christoph Fürer-Haimendorfs Feldforschung im Nagaland (Nordostindien) der 30er Jahre. Wien.
  • Schweitzer, Peter P. (2011)  „Diffusion“, in Fernand Kreff, Eva-Maria Knoll & Andre Gingrich (Hg.), Lexikon der Globalisierung. Bielefeld, p. 48–51.
  • Six-Hohenbalken, Maria (2009)  „Felix von Luschans Beiträge zur Ethnologie – zwischen imperialem Liberalismus und den Anfängen des Sozialdarwinismus“, in Peter Ruggendorfer & Hubert D. Szemethy (Hg.), Felix von Luschan: Arzt, Anthropologe, Forschungsreisender, Ethnologe und Ausgräber. Wien, p. 165–193.
  • Smetschka, Barbara (1997)  Frauen – Fremde – Forscherinnnen. Leben und Werk der Absoventinnen des Wiener Instituts für Völkerkunde 1945–1975: Ein Beitrag zur Wissenschafts- und Frauengeschichte. Frankfurt/M.
  • Stachel, Veronika (2011)  Der Ethnologe Josef Haekel (1907-1973): Seine wissenschaftliche Biographie von 1930 bis 1957. Diplomarbeit, Universität Wien.
  • Sturm, Gertraud (2007)  Leben für die Forschung: Das Ethnologenehepaar Wilhelm und Marie Hein in Südarabien (1901/02). (Sammlung Eduard Glaser 15; Denkschriften phil.-hist. Kl. 360). Wien.