Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 07

Titel
"Soll sie doch die Troika holen!" Schuld, Scham und ambivalente Pro-Troika Sozialkritik in Griechenland.
Autor
Andreas Streinzer
Sprache
Englisch
Erscheinungsjahr
2018
Seiten
27
Zusammenfassung
Das vorliegende Arbeitspapier diskutiert Pro-Troika-Sozialkritik im griechischen Alltagsleben. Basierend auf ethnographischer Feldforschung (2014-2017) in der Stadt Volos an der Ostküste des griechischen Festlandes, werden bisher wenig analysierte Formen weitverbreiteter Kritik in den Blick genommen. In der Literatur über die griechische Krise wurden bisher vor allem die Opposition und der Widerstand gegen die Restrukturierung des griechischen Staates und der griechischen Wirtschaft hervorgehoben. Der Perspektivenwechsel erlaubt eine genauere Analyse sozialer Reaktionen auf gegenwärtige Prozesse neoliberaler Restrukturierung. Die eingenommene Perspektive betont neben den Machtverhältnissen und sich überlappenden moralischen Ordnungen auch die Notwendigkeit, strategische Essentialisierungen von Macht und Widerstand zu vermeiden. Der analytische Fokus des Aufsatzes liegt auf "Ambivalenz" als Zugang zur Komplexität moralischer Ordnungen. Dies hilft uns zu verstehen, wie die Erforschten mit zahlreichen Widersprüchen und Dilemmata umgehen, während sie schwierige wirtschaftliche Situationen meistern. Eine solche Perspektive auf soziale Kritik ist in doppelter Hinsicht notwendig: zum einen aus theoretischer Sicht, da sie ein dualistisches Verständnis von Macht ablehnt und stattdessen auf Hegemonie und Ambivalenz in der Analyse moralischer Ordnungen des Kapitalismus abstellt; zum anderen aus ethnographischer Sicht, um die derzeitige Betonung von Widerstand und Solidarität in der anthropologischen Literatur über die griechische Krise zu komplementieren und einen Kontrast dazu zu bieten.

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Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 06

Titel
Kategorisieren: Zur Herstellung und Auflösung der Kategorie des ‘Flüchtlings’ vor dem Hintergrund langfristiger Vertreibung
Autor
Andrea Behrends
Sprache
Englisch
Erscheinungsjahr
2018
Seiten
31
Zusammenfassung
Nach mehr als zehn Jahren der Intervention bereitet die UN Flüchtlingsorganisation das Ende ihrer Intervention im Grenzgebiet zwischen Sudan und Tschad vor. In den zwölf Flüchtlingslagern auf der tschadischen Seite der Grenze leben nach wie vor ungefähr 200.000 Menschen. Aus Befürchtungen um ihre Sicherheit kommt für die BewohnerInnen der Flüchtlingslager eine Rückkehr in ihre Heimatdörfer und -städte auf der sudanesischen Seite jedoch weiterhin nicht in Frage. Die aus dieser Situation resultierenden "Integrationsmaßnahmen" der Hilfsorganisation in Zusammenarbeit mit dem tschadischen Staat stellen den Ausgangspunkt der vorliegenden Studie dar. Mit dem Verweis auf Studien zur "Kontingenz sozialer Zugehörigkeit" (Hirschauer 2014) betont die Autorin die Momente, in denen Unterschiede zwischen Menschen im Zusammenspiel zwischen Wissen und Praxis bedeutsam oder auch unbedeutsam "gemacht" werden. Sie zeigt, dass die Ungewissheit dieser Situation durch die sich wandelnde Verwendung von Humankategorien sichtbar wird, die prozesshaft neu interpretiert und übersetzt werden. Als Beispiel werden zwei Ereignisse in den Vordergrund gestellt, in denen die bislang vorherrschende Kategorie des "Flüchtlings" in den Hintergrund treten soll: Zum einen die Bemühungen von Staat und UN Organisation, die Camp-BewohnerInnen mit der Bevölkerung aus der Umgebung der Flüchtlingslager zu "vermischen"; zum anderen die groß angelegte biometrische Registrierung der Camp-BewohnerInnen, die ihnen einen neuen Status als "BürgerInnen/Flüchtlinge" verleiht. Obwohl beide Verfahren strengen Regeln folgen, so stehen doch beide gleichermaßen für die Kontingenz der Alltagspraxis sowohl auf der Seite von Organisationen und Staat als auch auf der Seite der von den Maßnahmen betroffenen Bevölkerung.

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Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 05

Titel
Sorge und die Abgrenzung des Staates: 'Befreundete Bauern', 'gierige Unternehmer' und 'korrupte Beamte' in einem alternativen Lebensmittelnetzwerk in China
Autor
Christof Lammer
Sprache
Englisch
Erscheinungsjahr
2017
Seiten
29

Zusammenfassung
In Agro-Food Studies werden sogenannte ‘alternative’ Lebensmittelnetzwerke im ‘Westen’ tendenziell als Ausdruck einer Verlagerung von Governance vom ‘Staat’ auf die ‘Zivilgesellschaft’ interpretiert. Der vorliegende Aufsatz zeigt wie der Staat in ein ‘alternatives’ Lebensmittelnetzwerk in China verwickelt ist. Das könnte dazu verleiten, diese Lebensmittelinitiative als ‘weniger alternativ’ bzw. als Symptom einer ‘schwachen Zivilgesellschaft’ im ‘Osten’ zu deuten, was jedoch nur das dominante ‘westliche’ Selbstbild reproduzieren würde. Stattdessen liegt mein Fokus auf der bisher vernachlässigten Rolle des Staates in solchen Lebensmittelnetzwerken. Das ermöglicht nicht nur neue Perspektiven darauf, wie Lebensmittelnetzwerke als ‘alternativ’ konstituiert werden, sondern zeigt auch wie in diesem Prozess der Staat selbst transformiert wird. Anstatt ‘den Staat’ und ‘die Zivilgesellschaft’ als getrennte Einheiten vorauszusetzen, verbinde ich anthropologische Ansätze zu Staat und Sorge/Care. Ich analysiere, wie Akteure im Lebensmittelnetzwerk durch Aushandlungsprozesse und Darstellung von Sorge die Grenzen des Staates ziehen. Angesichts zunehmender Bedenken bezüglich Lebensmittelsicherheit versuchen einige Konsumenten (vorwiegend Mütter) aus der städtischen Mittelschicht für ihre Familien zu sorgen, indem sie ‘ökologisches’ Essen möglichst direkt über Netzwerke mit den landwirtschaftlichen Produzenten besorgen. Dabei bemühen sie sich, einen Bereich für ihre Sorge in Abgrenzung zum ‘Staat’ zu konstruieren. Auf der Grundlage ethnographischer Feldforschung in einem selbst-ernannten ‘ökologischen Dorf’ in der Provinz Sichuan fokussiere ich auf Figuren, die in den Erzählungen über Lebensmittelsicherheit auftreten: die ‘befreundeten Bauern’, die ‘gierigen Unternehmer’ und die ‘korrupten Beamten’. Ich zeige, wie Akteure mit diesen Figuren identifiziert werden bzw. wie sie sich von diesen distanzieren und wie diese Inszenierung von Staatsbildern sowohl den Staat als auch das Lebensmittelnetzwerk formen.

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Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 04

Titel
Wege einer relationalen Anthropologie. Ethnographische Einblicke in Verwandtschaft und Staat Wege einer relationalen Anthropologie. Ethnographische Einblicke in Verwandtschaft und Staat
Autor
Tatjana Thelen
Sprache
Deutsch
Erscheinungsjahr
2015
Seiten
27

Zusammenfassung
Der vorliegende Aufsatz ist eine leicht überarbeitete Version meiner gleichnamigen Antrittsvorlesung vom 27. Oktober 2014 an der Universität Wien, in der ich für eine neue relationale Anthropologie plädiere. Nach einem kursorischen Überblick über die Entwicklung der relationalen Perspektive folgen zwei ethnographische Beispiele zur Koproduktion von Verwandtschaft und Staat. Beide Beispiele verweisen sowohl auf die relationale Forschungspraxis als auch auf den Ausgangspunkt in der Untersuchung von Beziehungspraktiken, über den schließlich die konzeptionelle Ebene neu in den Blick genommen werden kann. Da die Trennung von Verwandtschaft und politischer Organisation zentral für das westliche Selbstverständnis ist, lassen sich hier die Konsequenzen einer binären Konstruktion für lokale wie wissenschaftliche Diskurse besonders gut nachzeichnen. Diese Verbindung von methodischer wie theoretischer Ausrichtung unterscheidet die relationale Anthropologie von ähnlichen Ansätzen in den Nachbardisziplinen.

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Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 03

Titel
Herkunftsansprüche: Rasse und Wissenschaft im heutigen Südafrika
Autor
Katharina Schramm
Sprache
Englisch
Erscheinungsjahr
2014
Seiten
26

Zusammenfassung
In diesem Aufsatz geht es um die Frage, wie sich Rasse als komplexe Wissensformation und politische Realität ethnographisch beschreiben lässt.
Dabei fokussiere ich auf Südafrika, das historisch wie gegenwärtig eine besondere Position in globalen wissenschaftlichen Debatten um Rasse und den menschlichen Ursprung einnimmt. Paläoanthropologie, physische Anthropologie und Genetik widmeten sich schon im frühen 20. Jahrhundert der Untersuchung indigener Bevölkerungsgruppen, um damit allgemeine Aussagen zur Menschheitsevolution und zur biologischen Differenzierung (und Hierarchisierung) zwischen verschiedenen Gruppen treffen zu können.
Diese Wissensgenealogien wirken in gegenwärtigen Forschungen in vielfältiger Weise nach. Zugleich ist Südafrika geprägt von der bürokratischen und „kulturell“ definierten Rasseklassifikation der Apartheid, die auf Commonsense-Kategorien von Rasse basierte und diese nachhaltig zementierte. Diese „kulturellen“ und „biologischen“ Klassifikationspraktiken sind nicht deckungsgleich, aber eng miteinander verflochten. In der Postapartheid-Gesellschaft reicht der Verweis auf die soziale Konstruktion von Rasse als biologische Fiktion demnach nicht aus, um ihre anhaltende politische und epistemologische Wirkmächtigkeit zu unterwandern. Vielmehr gilt es, Rasse als vielschichtiges Phänomen im Kern zu problematisieren. Dabei betrachte ich das Verhältnis von Wissensobjekten (menschliche Überreste, Abformungen und DNA), klassifikatorischer Gewalt und Erinnerungspolitik, durch das verschiedene AkteurInnen Herkunftsansprüche und politische Zugehörigkeit im gegenwärtigen Südafrika artikulieren.

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Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 02

Titel
Wo Theoriearbeit in der Produktion zeitgenössischer anthropologischer Feldforschung stattfindet und wie sie in intermediären Rezeptionsformen der Ethnographie zugänglich gemacht werden kann.
Autor
George Marcus
Sprache
Englisch
Erscheinungsjahr
2014
Seiten
24

Zusammenfassung
Im vorliegenden Aufsatz wird auf die verschiedenen Formen theoretischer bzw. konzeptioneller Arbeit in zeitgenössischen sozial- bzw. kulturanthropologischen Forschungsprogrammen eingegangen und die These aufgestellt, dass Theoriearbeit integraler Bestandteil der ethnographischen Methode und des Feldforschungs-prozesses ist. Es geht eher um Arbeit innerhalb der Feldforschung, denn um die Aktivität eines professionellen Kreises, die die Feldforschung umgibt oder aus dieser in Distanz herrührt. Dies ist wiederum Folge der zunehmend gemeinsamen und mobilen Feldforschungsstrategien zwischen vielen kleinen Teil-Öffentlichkeiten. Daher unterstützt der vorliegende Aufsatz die Herstellung neuer, offenerer Formen und Medien für die Konstruktion und Rezeption von Theorie und analytischer Arbeit – statt der ehemals einsamen Grenzen der Feldforschungskommunikation – sowie ihre Reflexion als ein aktuelles Methodenproblem. Feldforschung verlangt Geduld, aber Theoriearbeit verlangt darin mehr unkonventionelle Arbeit.

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Wiener Arbeitspapiere zur Ethnographie 01

Titel
Arbeit zur Sprache bringen: Der ethnographische Zugang
Autor
Gerd Spittler
Sprache
Deutsch
Erscheinungsjahr
2014
Seiten
31

Zusammenfassung
Reden über Arbeit und tatsächliches Arbeitshandeln (Arbeitspraxis) klaffen oft weit auseinander. Wie können wir letzteres methodisch erfassen und welche Rolle spielen dabei Interview und Gespräch? Die semantische Untersuchung des Wortfeldes Arbeit in ver-schiedenen Sprachen ist ein beliebter Zugang, der aber nur begrenzte Einsichten verschafft. Die Analyse von ganzen Gesprächen und Texten  führt weiter, aber auch sie erschließt nur partiell das Arbeitshandeln. Der sprachliche Zugang muss durch andere Methoden, vor allem durch Beobachtung und teilnehmende Beobachtung ergänzt werden. Diese Kombination wird am Beispiel von vier ethnographischen Fallstudien beschrieben: ethnographische Interviews und teilnehmende Beobachtung über die Arbeit einer Kellnerin (Spradley), Gespräche von und mit kolumbianischen Bauern (Gudeman/Rivera), ethnomethodologische Untersuchungen zum Umgang mit Kopierern (Suchman und Orr), dichte Teilnahme bei Tuareghirten (Spittler). Unabhängig vom methodischen Zugang zur Arbeit bleibt noch die Darstellung der Forschungsergebnisse in einem Text (writing culture). Das ist bei einem Alltagsgegenstand wie Arbeit, der meistens nur wenig Aufregendes bietet, schwierig. Wie es gelingen kann, wird am Beispiel der Marienthal Studie (Jahoda/Lazarsfeld/Zeisel) gezeigt.

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